Blei-Vorsorge anorganisch — DGUV E BLA, Pflicht- und Angebotsvorsorge
„Blei und seine anorganischen Verbindungen werden überwiegend inhalativ und oral aufgenommen. Eine perkutane Resorption findet praktisch nicht statt. Eine chronische Bleibelastung kann zu Anämie, Polyneuropathie, Encephalopathie und Nephropathie führen.“
— DGUV Empfehlung „Blei und anorganische Bleiverbindungen“ (E BLA), Fassung Januar 2022, S. 157
1. Was ist die Blei-Vorsorge anorganisch?
Die Vorsorge nach DGUV E BLA gilt für Beschäftigte mit Exposition gegenüber metallischem Blei und seinen anorganischen Verbindungen — z.B. Bleioxid, Bleisulfat, Bleichromat, Bleicarbonat. Schutzziel ist die Früherkennung der chronischen Bleivergiftung mit ihren Leitsymptomen Anämie, Polyneuropathie, Nephropathie und Encephalopathie. Blei ist reproduktionstoxisch — Schwangere und Stillende dürfen praktisch nicht exponiert werden.
Aufnahme primär inhalativ und oral (Hand-zu-Mund-Kontamination). Perkutane Resorption findet praktisch nicht statt. Halbwertszeit im Blut wenige Wochen, im Knochen viele Jahre.
2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026
- ArbMedVV Anhang Teil 1 Nr. 1; GefStoffV
- TRGS 505 — Blei (umfassend)
- TRGS 903 — BAR/BLW: Pb-Vollblut Tatigkeitsgrenzwert 150 µg/l (Frauen unter 45 J. 70 µg/l)
- AMR 6.3, 2.1
- BKV BK 1101 — Erkrankungen durch Blei oder seine Verbindungen
- MuSchG, JArbSchG — strikte Beschränkungen für Schwangere, Stillende und Jugendliche
3. Vorsorgeanlässe
Pflichtvorsorge bei Tätigkeiten mit Blei oder anorganischen Bleiverbindungen, wenn Pb-Vollblut-Werte oberhalb der BAR-Schwelle erwartet werden oder die Belastung die Akzeptanzkonzentration überschreitet. Angebotsvorsorge bei nicht ausschließbarer Restexposition. Wunschvorsorge auf Verlangen.
Fristen: Erstvorsorge vor Aufnahme; Folgevorsorgen 12–36 Monate, bei Überschreitung BAR verkürzt; bei Frauen < 45 J. engmaschiger.
4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten
4.1 Höhere Exposition
- Akkuhersteller / Akku-Recycling (Blei-Säure-Batterien)
- Buntmetallhütten / Sekundärblei-Produktion
- Bleirohrsanierung, alte Anstriche (Bleirot, Bleiweiß)
- Strahlenschutz-Bauten und -Sanierung (Bleiabschirmung)
- Glasur- und Keramikproduktion (historisch)
- Munitions- und Sportwaffenindustrie
4.2 Top-3-Branchen IAAI
Akku-Recycling. Bleischmelzen, Plattenwiederaufbereitung, Granulierung. Pb-Werte regelmäßig nahe BAR — Pflichtvorsorge alle 12 Monate, bei Überschreitung kürzer.
Buntmetall-Hütten. Begleitelement in Kupfer- und Zinkverhüttung. Inhalative Belastung durch Hochtemperatur-Verfahren.
Strahlenschutz-Bauten. Röntgenraum-Sanierung, Klinik-Umbauten. Eher punktuelle Exposition mit guter Schutzmaßnahmen-Disziplin.
5. Untersuchungsumfang
5.1 Beratung & Anamnese
Beratung zu Hand-zu-Mund-Hygiene (größter Aufnahmeweg!), Straßen-/Pausenkleidungs-Trennung, Tabakkonsum (Bleizigarette — historisch). Anamnese: Müdigkeit, abdominelle Krampf-Schmerzen („Blei-Kolik“), Polyneuropathie-Symptome, Konzentrationsstörungen, ggf. Schwangerschaftsanamnese.
5.2 Körperliche Untersuchung
Inspektion (Blasse, Bleisaum am Zahnfleisch — historisch sehr selten), neurologischer Status, Bauch (Bauchwand-Hyperperistaltik), Muskelkraft Hand- und Fußhebung (peroneal/radial bei Polyneuropathie).
5.3 Labordiagnostik / Biomonitoring
- Pb-Vollblut — Standard, BAR 150 µg/l (Frauen < 45 J. 70 µg/l)
- ALA-D im Erythrozyt — Aktivitätsbestimmung als sensibler Indikator der Bleibelastung
- Erythrozyten-Protoporphyrin (EP) als Verlaufsparameter
- kleines Blutbild (mikrozytäre Anämie? basophile Tüpfelung der Erythrozyten?)
- Kreatinin, GFR (Nephropathie)
5.4 Bei Auffälligkeiten
Neurophysiologische Diagnostik (NLG/EMG bei Verdacht auf Polyneuropathie); Nieren-Sonographie; bei Pb-Vollblut > BAR ist Tatigkeitsbegrenzung dringend zu prüfen.
6. Beurteilung und Bescheinigung
Vier-Stufen-Schema. Bei Pb-Vollblut > BAR oder neurologischen Auffälligkeiten: verkürzte Frist, Tätigkeitswechsel prüfen. Bei begründetem Verdacht: BK-Anzeige BK 1101 nach § 202 SGB VII. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3 ohne Diagnose.
7. Praxistipps für Unternehmen
1. Hand-zu-Mund-Hygiene als Hauptaufnahmeweg adressieren — Pausen- und Straßenkleidung strikt trennen, separate Pausenräume, Reinigung vor jedem Pausenbeginn. 2. Schwarz-Weiß-Trennung der Arbeitsbereiche. 3. MuSchG umsetzen — Schwangere und Stillende dürfen nicht exponiert werden, Frauen unter 45 J. mit niedrigerem BAR-Wert. 4. Pb-Vollblut-Monitoring alle 6–12 Monate. 5. Vorsorgekartei lückenlos.
8. Praxistipps für Betriebsärzte
- Pb-Vollblut-Bestimmung als Goldstandard — BAR 150 µg/l, bei Frauen unter 45 J. 70 µg/l
- ALA-D-Aktivität im Erythrozyt als sensibler Frühindikator
- Bei Pb-Vollblut > BAR Mitteilung nach § 6 Abs. 4 ArbMedVV mit Vorschlag einer Tatigkeitsbegrenzung
- Bei Frauen Schwangerschaftsanamnese / Familienplanung erfragen — reproduktionstoxische Wirkung
- BK 1101 bei Verdacht zeitnah anzeigen
9. Häufige Fragen (FAQ)
Wer trägt die Kosten?
Der Arbeitgeber. Vorsorge findet während der Arbeitszeit statt.
Warum gilt für Frauen ein anderer Grenzwert?
Wegen reproduktionstoxischer Wirkung von Blei — Schwangere und Stillende sind besonders gefährdet. Frauen unter 45 J. haben deshalb BAR 70 µg/l (statt 150).
Welche BK?
BK 1101 „Erkrankungen durch Blei oder seine Verbindungen“.
Ist Blei hautresorptiv?
Anorganisches Blei nicht. Bleialkyle (TEL/TML) hingegen sehr stark. Daher Hand-zu-Mund-Pfad bei anorganischem Blei zentral.


10. Quellen
- DGUV (Hrsg.): DGUV Empfehlung Blei und anorganische Bleiverbindungen (E BLA), 2. Auflage September 2024, S. 157–180.
- ArbMedVV, GefStoffV, ArbSchG, ASiG, DGUV V2 (Stand April 2026)
- TRGS 505, 401, 903
- BK 1101
- MuSchG, JArbSchG
Stand: April 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.