Gefahrstoffe · DGUV E BLO · Fassung Januar 2022

Bleitetraethyl- und Bleitetramethyl-Vorsorge — DGUV E BLO

Auf einen Blick: Bleitetraethyl (TEL) und Bleitetramethyl (TML) sind hochtoxische, hautresorptive und neurotoxische Bleialkyle aus der Geschichte der Antiklopfmittel. Pflichtvorsorge bei nicht ausschließbarer Exposition; relevante Tätigkeiten heute vor allem in Tank-Sanierung, Sondermüll-Aufbereitung und Mineralöl-Altanlagen.
Dr. Johannes Angerer · Betriebsarzt & COO IAAI · 14 Min Lesezeit

„Bleitetraethyl und Bleitetramethyl werden über die Haut, Schleimhäute und die Atemwege rasch aufgenommen. Sie wirken stark neurotoxisch mit Vorrang vor anderen Bleiverbindungen. Bei akuter Exposition kann eine Encephalopathie auftreten.“

— DGUV Empfehlung „Bleitetraethyl und Bleitetramethyl“ (E BLO), Fassung Januar 2022, S. 139

1. Was ist die Bleialkyl-Vorsorge?

Die Vorsorge nach DGUV E BLO gilt für Beschäftigte mit Tetraethylblei (TEL) oder Tetramethylblei (TML) und ihren Spaltprodukten. Schutzziel ist die Früherkennung neurotoxischer Bleischädigungen — vor allem zentralnervöser Effekte (Encephalopathie, Tremor, Ataxie, Verhaltensänderungen).

Aufnahme primär perkutan und inhalativ. Bleialkyle sind chemisch instabil — zerfallen langsam zu Triethyl-/Trimethyl-Blei und schließlich zu anorganischem Blei. Klinisch dominieren ZNS-Effekte vor hämatologischen.

2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026

  • ArbMedVV Anhang Teil 1 Nr. 1; GefStoffV
  • TRGS 505 — Blei (allgemein, mit Bleialkyl-Bezug)
  • TRGS 401 — Hautkontakt; TRGS 903 — BGW Pb-Vollblut
  • AMR 6.3, 2.1
  • BKV BK 1101 Erkrankungen durch Blei oder seine Verbindungen

In Deutschland gelten Bleialkyle als historisches Antiklopfmittel — ihr Einsatz im Otto-Kraftstoff ist seit 1996 EU-weit verboten. Aktuelle Exposition vor allem bei Sanierung von Tanks, Tankzug-Reinigung und Sondermüll-Aufbereitung.

3. Vorsorgeanlässe

Pflichtvorsorge bei jeder Tätigkeit, bei der eine Exposition gegenüber Bleialkylen oder ihren Spaltprodukten nicht ausgeschlossen werden kann — inhalativ oder perkutan. Angebotsvorsorge bei nicht ausschließbarer Restexposition. Wunschvorsorge auf Verlangen.

Fristen: Erstvorsorge vor Aufnahme; Folgevorsorgen 12–24 Monate, bei Überschreitung BGW verkürzt.

4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten

4.1 Höhere Exposition

  • Tank-Sanierung historischer Mineralölanlagen
  • Tankzug-Reinigung und Reparatur
  • Sondermüll-Aufbereitung TEL/TML-belasteter Bestände
  • Forschung an organischen Bleiverbindungen (sehr selten)

4.2 Top-3-Branchen IAAI

Mineralöl-Industrie. Wartung und Reinigung historischer Tanks und Pipelines. Pflichtvorsorge mit Pb-Vollblut und neurologischer Untersuchung.

Tank-Sanierung. Spezialisierte Sanierungsfirmen mit Vollschutz Typ 3 und Vollvisier-Atemschutz. Pflichtvorsorge flächendeckend.

Sondermüll-Entsorgung. Aufbereitung kontaminierter Erden und Abfälle aus historischen Tankanlagen.

5. Untersuchungsumfang

5.1 Beratung & Anamnese

Beratung zu Hautresorption (Hauptaufnahmeweg!), PSA. Anamnese: Kopfschmerz, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Tremor, GIT-Beschwerden — alles frühe ZNS-Symptome.

5.2 Körperliche Untersuchung

Schwerpunkt neurologisch: Tremor (Halt- und Aktionstremor), Reflexe, Feinmotorik (Schriftprobe, Spirale), Gleichgewichts- und Gangprüfung. Allgemeine Inspektion Haut und Schleimhäute.

5.3 Labordiagnostik / Biomonitoring

  • Blei im Vollblut (Pb-B) — Standardparameter, BGW 150 µg/l (TRGS 903)
  • Blei im Urin — ergänzend für Bleialkyl-Spaltprodukte
  • Blutbild, Retikulozyten, ALA-D-Aktivität (Erythrozyten)
  • Leberwerte, Nierenwerte (Kreatinin, GFR)

5.4 Bei Auffälligkeiten

Neurophysiologische Diagnostik (NLG, EEG), psychometrische Tests; bei begründetem Verdacht stationsäre neurologische Abklärung.

6. Beurteilung und Bescheinigung

Vier-Stufen-Schema. Bei neurologischen Auffälligkeiten oder Pb-Vollblut > BGW: verkürzte Frist, Tätigkeitswechsel prüfen. Bei begründetem Verdacht: BK-Anzeige BK 1101 nach § 202 SGB VII. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3 ohne Diagnose.

7. Praxistipps für Unternehmen

1. Vollschutz — Typ-3-Anzug, Vollvisier-Atemschutz, doppelte Nitrilhandschuhe. 2. Geschlossene Verfahren — Probenahme im geschlossenen System. 3. PSA-Wechsel nach jedem Einsatz, kontaminierte Kleidung als Sondermüll. 4. Notfallprotokoll — bei Hautkontakt sofortige Spülung mit Wasser und Seife, danach Polyethylenglycol. 5. Vorsorgekartei lückenlos.

8. Praxistipps für Betriebsärzte

  • Aktuelle Gefährdungsbeurteilung anfordern, Probenahme- und Sanierungsprotokolle einsehen
  • Neurologischer Status mit Tremor, Reflexen, Feinmotorik, Spirale
  • Pb-Vollblut bei jeder Vorsorge — BGW 150 µg/l ist Schwelle
  • Bei BGW-Überschreitung: Tätigkeitsbegrenzung, Mitteilung nach § 6 Abs. 4 ArbMedVV
  • BK 1101 bei Verdacht zeitnah anzeigen

9. Häufige Fragen (FAQ)

Sind Bleialkyle heute noch verbreitet?

Im Otto-Kraftstoff seit 1996 verboten. Heute nur noch als historische Belastung in Tanks, Sanierungsobjekten und einigen Spezialanwendungen.

Was unterscheidet Bleialkyle von anorganischem Blei?

Bleialkyle sind hautresorptiv, lipophil und primär ZNS-toxisch. Anorganisches Blei ist nicht hautresorptiv und primär hämatotoxisch und nephrotoxisch.

Welche BK?

BK 1101 „Erkrankungen durch Blei oder seine Verbindungen“.

Wer trägt die Kosten?

Der Arbeitgeber. Vorsorge findet während der Arbeitszeit statt.

Neurologische Untersuchung mit Finger-Nase-Versuch und Tremor-Test
Neurologische Untersuchung — Tremor und Koordination als Standardprüfung der Bleitetraethyl-Vorsorge.
Probenahme an Sondermuell-Fass mit Gefahrgut-Kennzeichnung
Sondermüll-Verbrennungsanlage — Probenahme an gekennzeichnetem Bleitetraethyl-Fass.

10. Quellen

  • DGUV (Hrsg.): DGUV Empfehlung Bleitetraethyl und Bleitetramethyl (E BLO), 2. Auflage September 2024, S. 139–156.
  • ArbMedVV, GefStoffV, ArbSchG, ASiG, DGUV V2 (Stand April 2026)
  • TRGS 505, 401, 903
  • BK 1101

Stand: April 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.