Gefahrstoffe · DGUV E CAD · Fassung Januar 2022

Cadmium-Vorsorge — DGUV E CAD, Pflicht- und nachgehende Vorsorge

Auf einen Blick: Cadmium und seine Verbindungen sind krebserzeugend Kategorie 1B. Pflichtvorsorge bei Inhalations- oder oraler Exposition; nachgehende Vorsorge über GVS lebenslang. Berufskrankheit BK 1104 (Erkrankungen durch Cadmium). Leitorgane: Niere (β₂-Mikroglobulinurie), Knochen (Itai-Itai-ähnlich), Lunge (Bronchialkarzinom).
Dr. Johannes Angerer · Betriebsarzt & COO IAAI · 14 Min Lesezeit

„Cadmium und seine Verbindungen zählen zu den krebserzeugenden Stoffen der Kategorie 1B. Sie wirken überwiegend nephrotoxisch mit charakteristischer tubulärer Schädigung. Bei chronischer inhalativer Exposition besteht ein erhöhtes Risiko für Bronchialkarzinome.“

— DGUV Empfehlung „Cadmium und Cadmiumverbindungen“ (E CAD), Fassung Januar 2022, S. 181

1. Was ist die Cadmium-Vorsorge?

Die Vorsorge nach DGUV E CAD richtet sich an Beschäftigte, die mit Cadmium oder seinen Verbindungen — Cadmiumoxid, -sulfid, -sulfat, -karbonat — umgehen. Schutzziel ist die Früherkennung der typischen Cadmium-Schäden: tubuläre Nephropathie mit β₂-Mikroglobulinurie, Knochenschäden (Itai-Itai-ähnlich), Bronchialkarzinom.

Aufnahme inhalativ und oral; Halbwertszeit in der Niere extrem lang (10–30 Jahre). Latenzzeit bis Bronchialkarzinom 15–40 Jahre, daher nachgehende Vorsorge über GVS lebenslang.

2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026

  • ArbMedVV Anhang Teil 1 Nr. 1; GefStoffV mit § 11 (CMR-Stoffe)
  • TRGS 561, 905, 910 — krebserzeugende Metalle und CMR-Verzeichnis
  • TRGS 401 — Hautkontakt; TRGS 903 — BGW Cd-Vollblut + β₂-Mikroglobulin im Urin
  • AMR 11.1, 6.3, 2.1
  • BKV BK 1104 — Erkrankungen durch Cadmium oder seine Verbindungen

3. Vorsorgeanlässe

Pflichtvorsorge bei Inhalations- oder oraler Exposition gegenüber Cadmium oder seinen Verbindungen. Angebotsvorsorge bei nicht ausschließbarer Restexposition. Nachgehende Vorsorge über GVS lebenslang. Wunschvorsorge auf Verlangen.

Fristen: Erstvorsorge vor Aufnahme; Folgevorsorgen 12–36 Monate, bei Auffälligkeit verkürzt; nachgehende Vorsorge alle 36 Monate.

4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten

4.1 Höhere Exposition

  • Akkuhersteller (NiCd-Akkus) und Akku-Recycling
  • Galvanik (Hartverchromung mit Cadmium-Begleitelementen)
  • Pigment- und Farbstoffproduktion (Cadmiumsulfid, -selenid)
  • Metallrecycling und Schrottverarbeitung
  • Hartlötung mit cadmiumhaltigen Lötlegierungen

4.2 Top-3-Branchen IAAI

NiCd-Akku-Hersteller / Recycling. Plattenfertigung, Zerlegung, Schmelze. Pflichtvorsorge mit Cd-Vollblut und β₂-Mikroglobulin alle 12 Monate.

Galvanik (Hartverchromung). Cadmium als Begleitelement, Pflichtvorsorge wegen Mischbelastung mit Chrom(VI).

Pigment-Produktion. Cadmiumsulfid- und -selenid-Pigmente in Kunststoff-, Glas- und Keramik-Färbung.

5. Untersuchungsumfang

5.1 Beratung & Anamnese

Beratung zu Aufnahmewegen, Tabakkonsum (Tabakrauch ist eine wichtige nicht-berufliche Cd-Quelle, multiplikativ für Lungenkrebs), Hand-zu-Mund-Hygiene. Anamnese: Polyurie, Knochenschmerzen, Husten, Atemnot.

5.2 Körperliche Untersuchung

Allgemein-internistisch, Auskultation Lunge, Lymphknoten, Wirbelsäulen-Druckschmerz (Knochen), Inspektion Mundhöhle („gelber Zahnsaum“ historisch).

5.3 Labordiagnostik / Biomonitoring

  • Cadmium im Vollblut (akute Belastung) und im Urin (kumulative Belastung) — BAR/BLW nach TRGS 903
  • β₂-Mikroglobulin im Urin als sensitiver Marker tubulärer Nierenschädigung
  • Retinol-binding Protein (RBP) ergänzend
  • Kreatinin, GFR, Albumin im Urin
  • Kleines Blutbild

5.4 Bildgebung

Bei Hochrisiko-Gruppen: Spirometrie, ggf. Lungen-CT-Screening (analog Asbest EVA-Lunge bei Tabakrauch + Cd-Exposition).

6. Beurteilung und Bescheinigung

Vier-Stufen-Schema. Bei β₂-Mikroglobulinurie oder Cd-Überschreitung: verkürzte Frist, Tätigkeitswechsel prüfen. Bei begründetem Verdacht: BK-Anzeige BK 1104. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3 ohne Diagnose.

7. Praxistipps für Unternehmen

1. Substitution dokumentieren (CMR-Pflicht). 2. Inhalative und orale Aufnahme vermeiden — Atemschutz, getrennte Pausenräume. 3. Tabakprogramm wegen multiplikativem Lungenkrebsrisiko. 4. ZAS/GVS-Anmeldung bei jedem Austritt. 5. Vorsorgekartei lückenlos.

8. Praxistipps für Betriebsärzte

  • Cd-Vollblut + Cd-Urin + β₂-Mikroglobulin als Standard-Set
  • Tabakanamnese in Packungsjahren — Tabakrauch ist relevante nicht-berufliche Cd-Quelle
  • Bei β₂-Mikroglobulinurie: Niere-Schaden ist meist irreversibel — sofortige Tatigkeitsbegrenzung erwägen
  • BK 1104 bei Verdacht zeitnah anzeigen
  • ZAS-Meldung beim Ausscheiden anstoßen

9. Häufige Fragen (FAQ)

Wer trägt die Kosten?

Der Arbeitgeber. Nachgehende Vorsorge nach Ausscheiden organisiert die GVS.

Was ist β₂-Mikroglobulinurie?

Tubulärer Nieren-Marker — erhöhte Ausscheidung weist auf Cadmium-induzierte Tubulusschädigung hin und ist meist irreversibel.

Welche BK?

BK 1104 „Erkrankungen durch Cadmium oder seine Verbindungen“.

Verstärkt Tabak das Risiko?

Ja — Tabakrauch ist eine wichtige nicht-berufliche Cd-Quelle und wirkt multiplikativ auf das Bronchialkarzinom-Risiko.

Immunoassay-Analysator zur ß2-Mikroglobulin-Bestimmung
β2-Mikroglobulin im Urin — Frühindikator für cadmium-bedingten Tubulus-Schaden.
Galvaniseur in Säure-Schutzanzug an Hartverchromungs-Becken
Galvanik — Hartverchromung mit Frischluftvisier und Säure-Schutzanzug.

10. Quellen

  • DGUV (Hrsg.): DGUV Empfehlung Cadmium und Cadmiumverbindungen (E CAD), 2. Auflage September 2024, S. 181–206.
  • ArbMedVV, GefStoffV, ArbSchG, ASiG, DGUV V2 (Stand April 2026)
  • TRGS 561, 905, 910, 401, 903
  • BK 1104

Stand: April 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.