Nitroglycerin und Nitroglykol — Vorsorge (E GLY)
„Bei Wiederaufnahme der Tätigkeit nach Toleranzentzug können plötzlich auftretende Angina-pectoris-Anfälle und Herzinfarkte beobachtet werden.“
— DGUV Empfehlung E GLY, Fassung Januar 2022, S. 437
1. Worum geht es bei der Nitroglycerin/Nitroglykol-Vorsorge?
Nitroglycerin (Glyceroltrinitrat) und Nitroglykol (Ethylenglykoldinitrat) sind organische Salpetersäureester — Sprengöle. Sie werden über Haut und Atemwege resorbiert, wirken stark gefäßerweiternd. Pflichtvorsorge bei Sprengöl-Aerosolen und Staub; Angebotsvorsorge bei Spurenexposition.
Toleranzentzug-Syndrom („Montag-Sterben“): Nach 1–2 arbeitsfreien Tagen verlieren Versicherte die Gefäßtoleranz. Bei Wiederaufnahme der Exposition kann es zu plötzlichen Koronarspäsmen, Angina pectoris und Herzinfarkt kommen — historisch dokumentierte Todesfälle in Sprengstoffwerken am Wochenanfang.
2. Branchen-Schlaglicht
Top-3-Branchen aus IAAI-Sicht
- Sprengstoff-Industrie — Produktion, Konfektionierung Dynamit/Gelatinedynamit.
- Pyrotechnik — Treibmittel, Anzündhilfen, Festspr engsatz.
- Bergbau / Tunnelbau — Sprengarbeiten unter Tage, Bohrlochladung.
3. Untersuchungsumfang
Anamnese: Kopfschmerzen am Arbeitsbeginn, Schwindel, Synkopen, frühere Herzbeschwerden, Wochenbeginn-Symptome.
| Untersuchung | Zweck |
|---|---|
| Blutdruck (Sitzen, Stehen) | Orthostase nach Toleranzentzug |
| Ruhe-EKG; Belastungs-EKG bei Indikation | Koronarinsuffizienz, Rhythmusstörungen |
| Spirometrie | Lungenfunktion |
| Labor: Blutbild, GPT, GGT, Glucose, Lipide, Kreatinin | Stoffwechsel, Leber, Niere, kardiovaskuläres Risiko |
| Inspektion Haut | Hautresorption |
Fristen (AMR 2.1)
Erstvorsorge vor Aufnahme; Folgevorsorge nach 12 Monaten, danach 24–36 Monate. Anlass-Vorsorge nach kardialem Ereignis.
4. Beurteilung & IAAI in der Praxis
- Koronare Herzkrankheit, Z. n. Infarkt — relative Kontraindikation
- Schwere arterielle Hypertonie, Migräne mit vasomotorischer Komponente
- Multiple kardiovaskuläre Risikofaktoren (Diabetes, Rauchen, Hyperlipidämie)
IAAI-Praxis: Belastungs-EKG vor Ort, Blutdruckmessung in zwei Lagen. Präventionsschulung Toleranzentzug bei Erstvorsorge: graduelle Re-Exposition nach Urlaub/Krankheit. Termine in unserer digitalen Vorsorgekartei verwaltet.
5. Häufige Fragen (FAQ)
Was ist das „Montag-Sterben“?
Historisch beobachtetes Phänomen: Sprengöl-Arbeiter verlieren am Wochenende die Gefäßtoleranz; bei Wiederaufnahme der Arbeit plötzliche Koronarspäsmen, Angina pectoris, Infarkt — bis hin zum Tod.
Wie verhindere ich Toleranzentzug?
Graduelle Re-Exposition nach arbeitsfreien Tagen, niedrige Anfangsdosis am Montag, kurze „Einarbeitungs“-Schicht.
Wie oft muss ich zur Vorsorge?
Vor Aufnahme; Folgevorsorge nach 12 Monaten, dann 24–36 Monate. Anlass-Vorsorge nach kardialem Ereignis.
Wer braucht die Vorsorge?
Sprengstoff-Industrie, Pyrotechnik, Bergbau mit Sprengarbeiten unter Tage.
BK 1309 anerkannt?
Erkrankungen durch Salpetersäureester — nach gesicherter Exposition und kardialer Erkrankung mit Kausalzusammenhang.
Wer trägt die Kosten?
Der Arbeitgeber gemäß § 3 Abs. 3 ArbSchG.


6. Quellen
- DGUV Empfehlung E GLY, Fassung Januar 2022
- ArbMedVV; GefStoffV (TRGS 900, 905)
- BKV Anlage 1, BK 1309
- AMR 2.1, AMR 6.3
Stand: 30. April 2026 — Dr. Johannes Angerer, Betriebsarzt & COO IAAI Arbeitssicherheit GmbH.