Schwefelwasserstoff (H₂S) — Vorsorge (E H2S)
„H₂S ist Atemgift. Bei hohen Konzentrationen Olfaktor-Lähmung — die Gefahr wird nicht mehr wahrgenommen.“
— DGUV Empfehlung E H2S, Fassung Januar 2022
1. Worum geht es?
H₂S ist farblos, riecht nach faulen Eiern, ist schwerer als Luft. Bei hohen Konzentrationen kommt es zur Olfaktor-Lähmung — das Warngeruchssystem versagt. Wirkt als Cytochromoxidase-Hemmer (innere Erstickung). Pflichtvorsorge bei AGW-Überschreitung; Angebotsvorsorge bei Spurenexposition. BK 1202 (Erkrankungen durch Schwefelwasserstoff).
2. Konzentrationen + Branchen
| Konzentration | Wirkung |
|---|---|
| 0,01–0,5 ppm | Geruchsschwelle |
| 10 ppm | AGW (8h) |
| 100 ppm | Olfaktor-Lähmung, Atemwegsreizung |
| 500 ppm | Lungenödem nach Stunden |
| 700+ ppm | Sekundentod (1–2 Atemzüge) |
Top-3-Branchen
- Abwasser / Kläranlagen — Fäulnisprozesse.
- Petrochemie / Erdgas-Förderung — Sour-Gas, Raffinerien.
- Biogas-Anlagen / Landwirtschaft (Güllegrube) — Kohlewasserstoff-Faulgasentwicklung.
3. Untersuchungsumfang
| Untersuchung | Zweck |
|---|---|
| Spirometrie | Atemwegs-Funktion, Lungenödem-Folgen |
| EKG; ggf. Belastungs-EKG | Kardiale Folgen |
| Riech-Prüfung | Anosmie nach H₂S-Vergiftung |
| Neurologischer Status | ZNS-Spätfolgen |
Fristen
Erstvorsorge vor Aufnahme; Folge alle 12–36 Monate; Anlass-Vorsorge nach Vergiftung.
4. IAAI in der Praxis
- Spirometrie + EKG vor Ort.
- Schulung Notfall-Erste-Hilfe und CO-/H₂S-Warngeräte am Arbeitsplatz (TLV-Alarm 5/10/15 ppm).
- Beratung zu Pressluftatmer-Bereitstellung in Risikobereichen.
5. Häufige Fragen (FAQ)
Wer braucht H₂S-Vorsorge?
Abwasser/Kläranlagen, Petrochemie, Biogas, Landwirtschaft (Gülle), Sondermechaniker.
Was ist Olfaktor-Lähmung?
Bei H₂S-Konzentrationen über 100 ppm versagt das Geruchssystem — die Person erkennt die Gefahr nicht mehr. Daher unbedingt H₂S-Warngeräte tragen.
Notfall-Antidot?
Sauerstoff-Hochdosis. Hyperbare Sauerstofftherapie bei schwerer Vergiftung. Kein effektives Antidot wie bei Cyanid.
Spätfolgen?
Persistierende ZNS-Schäden, Anosmie, kognitive Einschränkungen, kardiale Folgen.
BK 1202?
Erkrankungen durch Schwefelwasserstoff — anerkannte Berufskrankheit nach gesicherter Exposition.
Wer trägt die Kosten?
Der Arbeitgeber gemäß § 3 Abs. 3 ArbSchG.
6. Quellen
- DGUV Empfehlung E H2S, Fassung Januar 2022
- ArbMedVV; GefStoffV (TRGS 900, 903)
- BKV Anlage 1, BK 1202
- DGUV Information 213-056 (Beförderung von Behältern in Druckluft)
Stand: 30. April 2026 — Dr. Johannes Angerer, Betriebsarzt & COO IAAI Arbeitssicherheit GmbH.

