Chrom(VI)-Vorsorge — DGUV E CR6, Pflicht- und nachgehende Vorsorge
„Alle Chrom(VI)-Verbindungen sind krebserzeugend (Kategorie 1A oder 1B), keimzellmutagen (Kategorie 1B), hautsensibilisierend und akut giftig. Die löslichen Chrom(VI)-Verbindungen sind zudem hautresorptiv.“
— DGUV Empfehlung „Chrom(VI)-Verbindungen“ (E CR6), Fassung Januar 2022, S. 207
1. Was ist die Chrom(VI)-Vorsorge?
Die Vorsorge nach DGUV E CR6 richtet sich an Beschäftigte mit Chromaten, Dichromaten, Chromsäure und Chromtrioxid — darunter wasserlösliche (z.B. Kalium- und Natriumchromat) und nicht-lösliche (Bariumchromat, Bleichromat). Schutzziel ist die Früherkennung Cr(VI)-typischer Schädigungen: Bronchialkarzinom, Nasen-Septum-Ulzeration und -Perforation, Kontaktekzem („Chromatekzem“), Chromatgeschwüre.
Aufnahme inhalativ und perkutan (lösliche Verbindungen). Latenzzeit bis Bronchialkarzinom 15–40 Jahre. TRGS 910: Risikobeurteilungsmaßstab 1 µg/m³ im einatembaren Staub.
2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026
- ArbMedVV Anhang Teil 1 Nr. 1; GefStoffV mit § 11 (CMR-Stoffe)
- TRGS 561, 905, 910 — krebserzeugende Metalle, CMR-Verzeichnis, Risikokonzept
- TRGS 401 — Hautkontakt; TRGS 528 — Schweißtechnische Arbeiten
- AMR 11.1, 6.3, 2.1
- BKV BK 1103 — Erkrankungen durch Chrom oder seine Verbindungen
3. Vorsorgeanlässe
Pflichtvorsorge bei Tätigkeiten mit Cr(VI)-Verbindungen, wenn eine wiederholte Exposition nicht ausgeschlossen werden kann oder die Verbindungen hautresorptiv sind und ein Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann. Angebotsvorsorge bei nicht ausschließbarer Restexposition. Nachgehende Vorsorge über GVS lebenslang.
Fristen: Erstvorsorge vor Aufnahme; Folgevorsorgen 12–36 Monate; nachgehende Vorsorge alle 36 Monate.
4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten
4.1 Höhere Exposition
- Galvanik / Hartverchromung (offene luftbewegte Bäder!)
- Edelstahl-Schweißen (Chrom-Nickel-Stähle, MAG/MIG/WIG)
- Plasma-/Laser-Schneiden chromhaltiger Stähle
- Lederbearbeitung (historisch Chromat-Gerbung)
- Anstrich-Sanierung (chromathaltige Anstriche)
- Imprägnierung von Hölzern (Cr-haltige Holzschutzmittel)
4.2 Top-3-Branchen IAAI
Galvanik / Hartverchromung. Pflichtvorsorge flächendeckend mit Cr-Urin-Biomonitoring und Nasenseptum-Inspektion. Vollvisier-Frischluft-Helm Standard.
Schweißbetriebe (Edelstahl). Schweißrauchexposition Cr(VI) bei Chrom-Nickel-Stahl. Pflichtvorsorge bei wiederholter Exposition. Auch DGUV E SCW (Schweißen) anwenden.
Lederbearbeitung. Cr(VI) heute meist abwesend, kann aber bei fehlerhafter Prozessführung als Spurenoxidation auftreten.
5. Untersuchungsumfang
5.1 Beratung & Anamnese
Beratung zu Hautresorption (lösliche Cr(VI)-Verbindungen!), Tabakkonsum (multiplikatives Lungenkrebsrisiko), PSA. Anamnese: Hautveränderungen, Nasenbluten, Atemwegsbeschwerden, Husten, Heiserkeit.
5.2 Körperliche Untersuchung
Otoskopie/Rhinoskopie: Inspektion des Nasenseptums (Ulzerationen, Perforation — typisches Cr(VI)-Zeichen). Hautstatus mit Fokus auf Kontaktstellen („Chromatgeschwüre“, Kontaktekzem). Auskultation Lunge.
5.3 Labordiagnostik / Biomonitoring
- Chrom im Urin (post-shift) als Indikator für aktuelle Exposition (BAR/BLW nach TRGS 903)
- Chrom im Erythrozyt als Marker für kumulative Cr(VI)-Belastung (Cr(VI) wird in Erys reduziert und gebunden)
- Spirometrie bei Hochrisikogruppen
5.4 Bei Auffälligkeiten
HNO-Konsil bei Septum-Veränderungen, dermatologisches Konsil bei Kontaktekzem, Allergiediagnostik (Patch-Test mit Kaliumdichromat) bei Sensibilisierungsverdacht.
6. Beurteilung und Bescheinigung
Vier-Stufen-Schema. Bei Septum-Schädigung, manifesten Kontaktekzemen oder Tumorverdacht: BK-Anzeige BK 1103 nach § 202 SGB VII. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3 ohne Diagnose.
7. Praxistipps für Unternehmen
1. Substitution dokumentieren (CMR-Pflicht). 2. Geschlossene/abgesaugte Anlagen bei Hartverchromung; offene Bäder vermeiden. 3. Hautkontakt aktiv ausschließen — Doppelhandschuhe, Vollvisier. 4. ZAS/GVS-Anmeldung bei Austritt. 5. Tabakprogramm (multiplikativer Lungenkrebs). 6. Vorsorgekartei lückenlos.
8. Praxistipps für Betriebsärzte
- Aktuelle Gefährdungsbeurteilung anfordern, Cr(VI)-Spezies-Liste erfassen
- Nasenseptum-Inspektion bei jeder Vorsorge — typischer Befund (Ulzeration/Perforation)
- Hautstatus mit Fokus Hand-/Unterarm-Kontaktstellen (Chromatgeschwüre)
- Cr-Urin post-shift + Cr-Erythrozyt (kumulativ)
- Patch-Test bei Sensibilisierungsverdacht (Allergologe)
- BK 1103 bei Verdacht zeitnah anzeigen
9. Häufige Fragen (FAQ)
Wer trägt die Kosten?
Der Arbeitgeber. Nachgehende Vorsorge nach Ausscheiden organisiert die GVS.
Was sind Chromatgeschwüre?
Charakteristische, schlecht heilende Hautulzera an Kontaktstellen — vor allem an Rhagaden, Schürfstellen und kleinen Hautdefekten. Diagnostisches Leitsymptom.
Welche BK?
BK 1103 „Erkrankungen durch Chrom oder seine Verbindungen“.
Sind alle Chrom-Verbindungen gleich?
Nein. Chrom(III) ist deutlich weniger toxisch und nicht karzinogen. Chrom(VI) ist krebserzeugend und hautresorptiv.


10. Quellen
- DGUV (Hrsg.): DGUV Empfehlung Chrom(VI)-Verbindungen (E CR6), 2. Auflage September 2024, S. 207–227.
- ArbMedVV, GefStoffV, ArbSchG, ASiG, DGUV V2 (Stand April 2026)
- TRGS 561, 905, 910, 401, 528, 903
- BK 1103
Stand: April 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.