Pflicht- und Angebotsvorsorge nach DGUV E MSB: schweres Heben/Tragen, Zwangshaltungen, Hand-Arm-Vibrationen (HAVS, Raynaud), Ganzkörper-Vibrationen. BK 2103, 2104, 2108, 2110, 2114. Stand April 2026.
Autor: Dr.med. Fabian Wengler - Arzt im arbeitsmedizinischen Dienst der IAAI Arbeitssicherheit GmbHVeröffentlicht: 22. Dezember 2024 · Aktualisiert: 28. März 2026 · Lesezeit: 14 Minuten
Auf einen Blick
Muskel-Skelett-Belastungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Krankschreibungen und Berufskrankheiten in Deutschland. Wer schwer hebt, in Zwangshaltungen arbeitet, Druckluftwerkzeuge oder vibrierende Maschinen führt oder im sitzenden Maschinenarbeitsplatz Ganzkörper-Vibrationen ausgesetzt ist, unterliegt der arbeitsmedizinischen Vorsorge nach DGUV E MSB (Muskel-Skelett-Erkrankungen). Berufskrankheiten: BK 2103 (Hand-Arm-Vibrationen / Knochen), BK 2104 (Hand-Arm-Vibrations-Syndrom HAVS / vasospastische Anfälle), BK 2108 (Bandscheibe LWS), BK 2110 (Bandscheibe LWS Ganzkörper-Vibrationen), BK 2114 (Hand-Arm-Vibrationen / Sehnenscheiden).
Beweglichkeitsprüfung der LWS — ergonomische Untersuchung der MSE-Vorsorge.Motorsäge in der Forstarbeit — klassische Hand-Arm-Vibrationsexposition.
1. Was umfasst die Vorsorge?
Die DGUV-Empfehlung E MSB (Muskel-Skelett-Erkrankungen) ordnet die arbeitsmedizinische Vorsorge bei Tätigkeiten mit Heben/Tragen schwerer Lasten, Zwangshaltungen sowie repetitiven Bewegungen.
2. Rechtsgrundlage
ArbMedVV Anhang Teil 3 (Physikalische Einwirkungen)
Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung (LärmVibrationsArbSchV) — mit Auslöse- und Expositionsgrenzwerten
LasthandhabV — Lastenhandhabungsverordnung
ArbStättV Anhang Nr. 6 (Bildschirmarbeitsplätze)
AMR 2.1, 6.3, 13.2 (Vorsorge bei Belastungen des Muskel-Skelett-Systems)
Hand-Arm-Vibrations-Syndrom (HAVS): vasospastische Anfälle (Weißfinger), Sensibilitätsstörungen, Kraftverlust, Muskelatrophie. Stadium I–IV nach Stockholm-Klassifikation. Bei chronischer Exposition zusätzlich Sehnenscheiden- und Knochenveränderungen (BK 2103/2114).
4.3 Krankheitsbild Bandscheibe
Bandscheibenbedingte Erkrankungen der LWS (BK 2108, 2110) bzw. HWS (BK 2109). Risikofaktoren: schweres Heben (>20 kg M, >15 kg F), Vorbeugung mit gleichzeitiger Verdrehung, jahrelange Exposition.
Fristen der arbeitsmedizinischen Vorsorge
Erstvorsorge
Innerhalb von 3 Monaten vor Aufnahme der Tätigkeit
Erste Nachsorge
Spätestens 12 Monate nach Aufnahme der Tätigkeit
Weitere Nachsorgen
Spätestens 36 Monate nach der vorangegangenenVorsorge
Hinweis: Diese Fristen gelten auch dann, wenn vollständiger Impfschutz besteht. Maßgeblich ist die arbeitsmedizinische Festlegung des Betriebsarztes; Bei Auffälligkeiten verkürzte Fristen nach ärztlichem Ermessen.
5. Untersuchungsumfang
Beratung zu ergonomischen Schutzmaßnahmen, Hebetechnik, Vibrationsdämpfung. Anamnese: Beschwerden im Bereich Schulter, Rücken, Hände; Weißfinger-Anamnese; HAV-/GKV-Expositionsdauer; persönliche Risikofaktoren (BMI, Rauchen).
Untersuchung: Inspektion und Palpation der Wirbelsäule, Schultern, Hände; Beweglichkeitstests; Schober-Zeichen; Lasegue-Zeichen; bei HAV: Allen-Test, Funktionsdiagnostik:Hand-Greifkraft (Jamar-Dynamometer); Sensibilitätsmessung (Vibratrons,Monofilament).
Bildgebung: bei BK-Verdacht Röntgen LWS / Hand. Erweitert: MRT bei Bandscheibenverdacht. Bildgebende Verfahren (Röntgen, MRT) sind nicht Bestandteil der betriebsärztlichen Vorsorge. Bei entsprechendem Verdacht empfiehlt der Betriebsarzt die weiterführende Diagnostik über den Haus- oder Facharzt im Rahmen der kassen- oder privatärztlichen Versorgung
6. Beurteilung und Bescheinigung
Vier-Stufen-Beurteilung nach DGUV. Bei Stockholm-HAVS Stadium III–IV: Empfehlung zum Tätigkeitswechsel. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3.
7. Praxistipps für Unternehmen
Gefährdungsbeurteilung Belastung. Lasthandhabungund Vibrationsexposition messen oder abschätzen (Vibrationsexposition messen oder abschätzen mit z. B. mitder Cursor-Daten-Methode (CDM) des IFA oder der IFA-Vibrationsdatenbank(kostenlos unter dguv.de/ifa).
Pausenregime. Bei HAV-/GKV-Exposition: Mikropausen, Werkzeugwechsel.
Rückenschule und Bewegungsprogramm. Präventiv im BGM verankern.
Unterweisung jährlich. Hebetechnik, Vibrationsschutz, Erfassung der Exposition.
Häufige Fragen (FAQ)
Wann ist Pflichtvorsorge bei Hand-Arm-Vibrationen?
Bei Überschreitung des Expositionsgrenzwerts von 5,0 m/s² A(8). Bei Überschreitung des Auslösewerts (2,5 m/s² A(8)) genügt die Angebotsvorsorge.
Was ist HAVS?
Hand-Arm-Vibrations-Syndrom: vasospastische, sensorische und muskuläre Schädigungen durch chronische Hand-Arm-Vibration. Klassifikation nach Stockholm-Workshop in Stadien I–IV.
Welche BK-Nummern sind relevant?
BK 2103 (HAV-Knochen), BK 2104 (HAV-Weißfinger), BK 2108 (Bandscheibe LWS Heben/Tragen), BK 2109 (Bandscheibe HWS), BK 2110 (Bandscheibe LWS GKV), BK 2114 (HAV-Sehnenscheiden).
Was sind ergonomisch sinnvolle Hebetechnik-Tipps?
Rücken gerade halten, aus den Knien heben, Last nahe am Körper führen, kein gleichzeitiges Heben + Verdrehen. Für Lasten >25 kg (M) bzw. 15 kg (F): Hebehilfen einsetzen.
Helfen anti-vibration Handschuhe?
Eingeschränkt: Sie reduzieren die Vibrationen im höheren Frequenzbereich, können aber bei niederfrequenten Vibrationen (z.B. Aufbruchhammer) sogar verstärkend wirken. Priorität: Vibrationsarme Werkzeuge.
Wie lange muss die Vorsorge laufen?
Pflicht/Angebot solange die Exposition besteht. Folgevorsorgen alle 24–36 Monate; verkürzt bei Auffälligkeiten oder hoher Belastung.
Quellen
DGUV Empfehlungen ,,Belastungen des Muskel-Skelett-Systems einschließlich Vibrationen" (E MSB), Fassung Januar 2022,
ArbStättV Anhang Nr. 6 (Bildschirmarbeitsplätze)
AMR 2.1, 6.3, 13.2
BKV — BK 2103, 2104, 2108, 2109, 2110, 2114
IFA-Datenbank Vibrationen; Stockholm Workshop Klassifikation HAVS
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