DGUV-Empfehlung E CKW

CKW-Vorsorge: Trichlorethen, Tetrachlorethen, Dichlormethan

Pflicht-, Angebots- und nachgehende Vorsorge nach DGUV E CKW. Trichloressigsäure-Biomonitoring, Nierenzellkarzinom-Risiko (TRI), CO-Hämoglobin (DCM). BK 1302 / 1317. Stand April 2026.

Autor: Dr. Johannes Angerer · Betriebsarzt & COO der IAAI Arbeitssicherheit GmbHVeröffentlicht: 9. Dezember 2024 · Aktualisiert: 18. März 2026 · Lesezeit: 14 Minuten

Auf einen Blick

Wer mit Trichlorethen (TRI), Tetrachlorethen (PER) oder Dichlormethan (DCM) arbeitet — in der Metall-Entfettung, der chemischen Reinigung, der Klebstoff- und Schaumindustrie oder bei Sanierungs- und Abbrucharbeiten — unterliegt der arbeitsmedizinischen Pflicht- oder Angebotsvorsorge nach ArbMedVV. Trichlorethen ist krebserzeugend Kategorie 1B (TRGS 910); Tetrachlorethen und Dichlormethan sind krebsverdachtig Kategorie 2. Schlüsselbefürchtungen: Nierenzellkarzinom (TRI), Hepato-/Nephrotoxizität, toxische Enzephalopathie, CO-Hämoglobin (DCM). Nach Ausscheiden aus Tätigkeiten mit TRI/PER ist eine nachgehende Vorsorge über das DGUV-Vorsorge-Portal anzubieten.

1. Was ist die CKW-Vorsorge?

Die CKW-Vorsorge ist die arbeitsmedizinische Vorsorge für alle Beschäftigten, die bei ihrer Tätigkeit gegenüber Trichlorethen, Tetrachlorethen oder Dichlormethan exponiert sein können. Sie ist im DGUV-Empfehlungswerk unter dem Kürzel E CKW geregelt (Fassung Januar 2022, S. 715–737). Schutzziel ist die Früherkennung CKW-assoziierter Erkrankungen — primär der Niere, der Leber, des zentralen Nervensystems sowie krebserzeugender Wirkungen.

Trichlorethen (TRI, CAS 79-01-6) ist eine farblose, leicht flüchtige Flüssigkeit mit süßlichem Geruch — in der Vergangenheit als Universal-Entfettungsmittel eingesetzt, heute nach REACH-Anhang XIV stark eingeschränkt. Tetrachlorethen (PER, CAS 127-18-4) ist das Standardlösungsmittel der chemischen Reinigung. Dichlormethan (DCM, CAS 75-09-2) ist eine extrem flüchtige Flüssigkeit mit AGW 75 ppm — in der EU-REACH-VO Anhang XVII Nr. 59 ist die Verwendung von DCM-Abbeizmitteln für die breite Öffentlichkeit verboten.

Trichlorethen ist nach CLP-VO als krebserzeugend Kategorie 1B eingestuft („kann Krebs erzeugen“). Tetrachlorethen und Dichlormethan sind krebsverdachtig Kategorie 2. Spezifische BK-Risiken: BK 1302 (Erkrankungen durch Halogenkohlenwasserstoffe) und BK 1317 (Polyneuropathie/Enzephalopathie). Bei TRI gibt es zudem das Nierenzellkarzinom-Risiko (BK 1302 mit gesonderter Wertung).

2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026

Die CKW-Vorsorge ist in der ArbMedVV Anhang Teil 1 Nr. 1 (Tätigkeiten mit Gefahrstoffen) geregelt; die DGUV Empfehlung E CKW konkretisiert die fachärztliche Durchführung. Trichlorethen unterliegt zusätzlich der TRGS 910 (Risikokonzept für CMR-Stoffe) mit Akzeptanz- und Toleranzkonzentration.

  • ArbMedVV i.d.F. 18.10.2013, zuletzt geändert 30.06.2023
  • GefStoffV 2024; TRGS 900, 903, 910
  • TRGS 400/401/402, 500, 555
  • REACH-VO Anhang XVII Nr. 59 — DCM-Abbeizverbot
  • ArbSchG, ASiG, DGUV V2
  • AMR 2.1, 6.2, 6.3, 11.1 (nachgehende Vorsorge)
  • MuSchG — bei TRI/PER zwingend zu beachten (CMR Kat. 1B/2)
  • BKV — BK 1302, 1317
Wichtig: Bei Tätigkeiten mit TRI oder PER ist nach Ausscheiden aus der Tätigkeit eine nachgehende Vorsorge anzubieten. Anmeldung im Meldeportal www.dguv-vorsorge.de ist Pflicht des Unternehmers (§ 5 ArbMedVV).

3. Vorsorgeanlässe

3.1 Pflichtvorsorge

Bei Tätigkeiten mit Trichlorethen, wenn eine wiederholte Exposition oder eine Hautkontakt-Gefährdung nicht ausgeschlossen werden kann (TRI ist als CMR-Stoff der Kategorie 1B besonders streng zu behandeln). Bei Tetrachlorethen und Dichlormethan, wenn der AGW überschritten wird oder relevanter Hautkontakt besteht.

3.2 Angebotsvorsorge

Bei Tätigkeiten unterhalb der Pflichtvorsorge-Schwellen, wenn Exposition nicht ausgeschlossen werden kann.

3.3 Nachgehende Vorsorge (Pflicht!)

Für TRI und PER nach Ausscheiden aus der Tätigkeit — über das DGUV-Vorsorge-Meldeportal. Begründung: Latenzzeit für Nierenzellkarzinom (TRI) und CKW-induzierte Erkrankungen kann viele Jahre betragen.

3.4 Wunschvorsorge

Auf Wunsch der versicherten Person, sofern Gesundheitsschaden nicht von vornherein ausgeschlossen werden kann.

VorsorgeartErstvorsorgeErste NachvorsorgeFolgevorsorgen
Pflichtvorsorge TRIvor Tätigkeitsaufnahmenach 12 Monatenalle 12–24 Monate
Pflichtvorsorge PER/DCMvor Tätigkeitsaufnahmenach 12 Monatenalle 24–36 Monate
Angebotsvorsorgevor Aufnahme12–24 Monate24–36 Monate
Nachgehende Vorsorgenach Ausscheidenvariabelvariabel über DGUV-Portal

4. Branchen, Krankheitsbild und BK-Risiken

Industriearbeiter in grünem Schutzoverall mit Vollmaske ABEK und Chemikalienhandschuhen vor einer geschlossenen Trichlorethen-Entfettungsanlage in einem deutschen Metallbetrieb
Geschlossene Dampfentfettungsanlage mit chloriertem Lösungsmittel — typische CKW-Exposition.

4.1 Tätigkeiten mit höherer Exposition

  • Metall-Entfettung in offenen oder unzureichend geschlossenen Anlagen
  • Reinigen von Behältern, Walzen und Maschinen mit chlorierten Reinigern
  • Chemische Textilreinigung (PER) ohne moderne, geschlossene Maschinen
  • Klebstoff-, Schaum- und Möbelindustrie (Polyurethan-Produktion mit DCM)
  • Sanierungs-, Abbruch- und Altlastenbearbeitung
  • Galvanik mit lösungsmittelbasierter Vorbehandlung

4.2 Krankheitsbild

CKW werden überwiegend über den Atemtrakt aufgenommen; alle drei Stoffe sind hautresorptiv. Akute Wirkung: narkotisch (Schwindel, Erregung, Bewusstlosigkeit bei sehr hohen Konzentrationen), Reizung von Schleimhäuten, entfettende Hautwirkung. Subakut: bei DCM-Exposition CO-Hämoglobin-Anstieg (DCM wird im Körper zu CO metabolisiert) — kardiovaskulär relevant.

Chronisch: die wichtigsten Krankheitsbilder sind Hepatotoxizität (Steatohepatitis, Cholestase), Nephrotoxizität (tubuläre Schädigung), toxische Enzephalopathie (BK 1317) sowie das Nierenzellkarzinom (TRI) als spezifisches Krebsrisiko — letzteres ist epidemiologisch belegt und in BK 1302 berücksichtigt.

4.3 Top-3-Branchen aus der IAAI-Kundenbasis

Branche 1: Metall-Entfettung / Oberflächentechnik. Maschinenbau, Automotive-Zulieferer, Galvanik. Auch wenn moderne wasserbasierte Entfettung Standard wird, sind altanlagen mit TRI/PER weiter im Einsatz.

Branche 2: Chemische Reinigungen / Textilreinigung. PER ist trotz Substitutionsbestrebungen (Hydrocarbon, K4) immer noch in vielen Reinigungen Standardlösungsmittel. TRGS 526 fordert geschlossene Anlagen mit Rückgewinnung.

Branche 3: Klebstoff-, Schaum- und Möbelindustrie. DCM in Polyurethan-Schaumherstellung, Klebstoffanwendungen — trotz REACH-Restriktion in industriellen Anwendungen erlaubt mit Auflagen.

5. Untersuchungsumfang

5.1 Beratung

Aufklärung über spezifische Risiken: Krebsrisiko TRI (Nierenzellkarzinom, Lymphom), CO-Hämoglobin-Bildung bei DCM, hepatorenale Toxizität, alkoholverstärkende Wirkung. Beratung zur PSA: Atemschutz mit ABEK-Kombinationsfilter, chemikalienbeständige Handschuhe (PVA, Butyl, Viton). Hautschutzplan.

5.2 Anamnese und Arbeitsanamnese

  • Vorbestehende neurologische, hepatologische und renale Erkrankungen
  • Schwangerschaftsanamnese (CMR-Stoffe — § 9 MuSchG)
  • Hautanamnese (vorbestehende Ekzeme)
  • Arbeitsanamnese: Expositionsdauer, dermale Exposition, AGW-Annahme
  • Alkoholanamnese (Confounder; verstärkt Hepatotoxizität)
  • Nikotinanamnese (CO-Hämoglobin-Confounder bei DCM)

5.3 Körperliche Untersuchung

Inspektion Haut/Schleimhäute, Leber-/Milz-Palpation, orientierende Neurologie. Bei Verdacht auf Polyneuropathie: vibrationssensorische Prüfung.

5.4 Labordiagnostik / Biomonitoring

StoffParameterBGW (TRGS 903)Material
TrichlorethenTrichloressigsäure (TCA)EKA-Wert (TRGS 903)Urin, Schichtende
TetrachlorethenTetrachlorethen1000 µg/LVollblut, Schichtende
DichlormethanCO-Hämoglobin5 % (Nichtraucher)Vollblut, Schichtende
Niere (TRI/PER)α1-MikroglobulinReferenzbereichUrin, Spontanprobe

Erstuntersuchung: Urinstatus, großes Blutbild, γ-GT, ALAT, ASAT, Kreatinin, α1-Mikroglobulin im Urin (Tubulärer Schadensmarker). Bei DCM-Exposition zusätzlich CO-Hämoglobin.

Confounder: Alkohol, Rauchen (CO-Hb), Medikamente mit hepatotoxischer Wirkung. Für TCA: konsumierte Lebensmittel mit Trichloressigsäure-Vorläufern.

5.5 Funktionsdiagnostik / Bildgebung

Routine-Funktionsdiagnostik nicht vorgesehen. Bei Verdacht auf Hepato-/Nephrotoxizität: Oberbauch-Sonographie. Bei Verdacht auf Nierenzellkarzinom (TRI-Exposition): nierensonographische Verlaufsbeobachtung in nachgehender Vorsorge.

6. Beurteilung und Bescheinigung

Die DGUV-Empfehlung gliedert die Beurteilung in vier Stufen: (1) keine Erkenntnisse — Tätigkeit fortsetzbar; (2) Maßnahmen empfohlen; (3) verkürzte Fristen; (4) Tätigkeitswechsel zu erwägen. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3 mit Anlass und nächstem Termin — KEINE Diagnose, KEINE Befunde. Bei BGW-Überschreitungen: Mitteilung an den Unternehmer auf betrieblicher Ebene anonymisiert (§ 6 Abs. 4 ArbMedVV).

7. Praxistipps für Unternehmen

  1. Substitution prioritär. TRI durch Modified Alcohols, halogenfreie Lösungsmittel oder wässrige Reiniger. PER durch Hydrocarbon (KWL) oder K4-Lösungsmittel.
  2. Geschlossene Anlagen. TRGS 526: dampfdichte Anlagen mit Aktivkohle-Rückgewinnung; jeden Behandlungsschritt geschlossen halten.
  3. STOP-Prinzip. Substitution → technische Schutzmaßnahmen (Lokalabsaugung, Punktabsaugung) → organisatorische Maßnahmen (Expositionszeit) → PSA (ABEK-Kombinationsfilter, EN 374 Permeations-Klasse 6 mit PVA/Butyl/Viton).
  4. Nachgehende Vorsorge anmelden. Anmeldung im DGUV-Vorsorge-Portal beim Ausscheiden — Pflicht des Unternehmers.
  5. Mutterschutz strikt. Bei TRI/PER ist Beschäftigungsverbot für Schwangere und Stillende zu prüfen — § 11 MuSchG.
  6. Biomonitoring konsequent. TCA und α1-Mikroglobulin am Schichtende; bei DCM CO-Hb dokumentieren.
  7. Unterweisung jährlich. Krebsrisiko, alkoholverstärkende Wirkung, Notfallmaßnahmen.

Häufige Fragen (FAQ)

Wann ist Pflichtvorsorge bei Trichlorethen zwingend?

Bei Tätigkeiten mit TRI immer dann, wenn eine wiederholte Exposition oder Hautkontakt-Gefährdung nicht ausgeschlossen werden kann. Wegen der CMR-Kategorie 1B gilt der besonders strenge Prüfmaßstab nach TRGS 910.

Was ist die nachgehende Vorsorge bei TRI/PER?

Nach Ausscheiden aus der TRI- oder PER-Tätigkeit ist der Unternehmer verpflichtet, die Person über das DGUV-Vorsorge-Portal (www.dguv-vorsorge.de) anzumelden. Latenzzeiten für Nierenzellkarzinom betragen Jahre bis Jahrzehnte.

Welche Biomonitoring-Parameter sind heute Standard?

Für TRI: Trichloressigsäure (TCA) im Urin am Schichtende. Für PER: Tetrachlorethen im Vollblut (BGW 1000 µg/L). Für DCM: CO-Hämoglobin im Vollblut (BGW 5 % bei Nichtrauchern). Ergänzend bei TRI/PER: α1-Mikroglobulin im Urin als tubulärer Schadensmarker.

Welche BK-Nummern kommen in Betracht?

BK 1302 (Erkrankungen durch Halogenkohlenwasserstoffe) und BK 1317 (Polyneuropathie/Enzephalopathie durch organische Lösungsmittel oder deren Gemische). Bei TRI mit Nierenzellkarzinom-Verdacht: BK 1302 mit gesonderter Wertung.

Was ist bei Schwangeren zu beachten?

TRI ist krebserzeugend Kategorie 1B — Beschäftigungsverbot nach § 11 MuSchG. PER und DCM sind reproduktions-/krebsverdachtig Kat. 2 — strenge Schutzmaßnahmen oder Wechsel auf nicht-exponierte Tätigkeit erforderlich.

Welche Handschuhe schuetzen gegen CKW?

Polyvinylalkohol (PVA), Butylkautschuk oder Viton sind besser geeignet als Nitril. EN 374 Permeations-Klasse 6 mit Mindestdicke prüfen. SDB des konkreten Produktes konsultieren — viele Handschuhe schwitzen schnell durch.

Wie lange müssen Vorsorgedokumente aufbewahrt werden?

Bei CMR-Stoffen (TRI Kat. 1B) gilt eine Aufbewahrungsfrist von 40 Jahren nach Expositionsende — die Vorsorgekartei wird in das DGUV-Vorsorge-Portal überführt.

Was ist mit DCM-Abbeizmitteln?

Die EU-REACH-VO Anhang XVII Nr. 59 verbietet seit 2010 die Verwendung von DCM-Abbeizmitteln durch die breite Öffentlichkeit. Industrielle und gewerbliche Anwendungen sind unter strengen Schutzmaßnahmen weiter erlaubt.

Quellen und weiterführende Informationen

  • DGUV Empfehlung „Trichlorethen, Tetrachlorethen, Dichlormethan“ (E CKW), Fassung Januar 2022, S. 715–737
  • ArbMedVV i.d.F. 18.10.2013, zuletzt geändert 30.06.2023
  • GefStoffV 2024; TRGS 900, 903, 910 (CMR-Risikokonzept)
  • REACH-VO Anhang XVII Nr. 59 — DCM-Abbeizverbot
  • AMR 2.1, 6.2, 6.3, 11.1 (nachgehende Vorsorge)
  • BKV — BK 1302, 1317
  • DGUV Vorsorge-Portal — www.dguv-vorsorge.de
  • GESTIS-Stoffdatenbank, IFA — TRI (CAS 79-01-6), PER (CAS 127-18-4), DCM (CAS 75-09-2)

IAAI Arbeitssicherheit GmbH — wir setzen die CKW-Vorsorge für Sie um

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Stand: April 2026. Dieser Text ersetzt keine arbeitsmedizinische oder rechtliche Einzelfallberatung. Inhalte fassen die DGUV-Empfehlung E CKW, ArbMedVV, GefStoffV, TRGS 910 und REACH-Restriktionen für Arbeitgeber und Beschäftigte verständlich zusammen — verbindlich sind die Originalfassungen. Für eine konkrete Vorsorgeplanung kontaktieren Sie bitte einen Facharzt für Arbeitsmedizin oder Ihren betreuenden Betriebsarzt.

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