Auf einen Blick
Wer mit Trichlorethen (TRI), Tetrachlorethen (PER) oder Dichlormethan (DCM) arbeitet — in der Metall-Entfettung, der chemischen Reinigung, der Klebstoff- und Schaumindustrie oder bei Sanierungs- und Abbrucharbeiten — unterliegt der arbeitsmedizinischen Pflicht- oder Angebotsvorsorge nach ArbMedVV. Trichlorethen ist krebserzeugend Kategorie 1B (TRGS 910); Tetrachlorethen und Dichlormethan sind krebsverdachtig Kategorie 2. Schlüsselbefürchtungen: Nierenzellkarzinom (TRI), Hepato-/Nephrotoxizität, toxische Enzephalopathie, CO-Hämoglobin (DCM). Nach Ausscheiden aus Tätigkeiten mit TRI/PER ist eine nachgehende Vorsorge über das DGUV-Vorsorge-Portal anzubieten.
1. Was ist die CKW-Vorsorge?
Die CKW-Vorsorge ist die arbeitsmedizinische Vorsorge für alle Beschäftigten, die bei ihrer Tätigkeit gegenüber Trichlorethen, Tetrachlorethen oder Dichlormethan exponiert sein können. Sie ist im DGUV-Empfehlungswerk unter dem Kürzel E CKW geregelt (Fassung Januar 2022, S. 715–737). Schutzziel ist die Früherkennung CKW-assoziierter Erkrankungen — primär der Niere, der Leber, des zentralen Nervensystems sowie krebserzeugender Wirkungen.
Trichlorethen (TRI, CAS 79-01-6) ist eine farblose, leicht flüchtige Flüssigkeit mit süßlichem Geruch — in der Vergangenheit als Universal-Entfettungsmittel eingesetzt, heute nach REACH-Anhang XIV stark eingeschränkt. Tetrachlorethen (PER, CAS 127-18-4) ist das Standardlösungsmittel der chemischen Reinigung. Dichlormethan (DCM, CAS 75-09-2) ist eine extrem flüchtige Flüssigkeit mit AGW 75 ppm — in der EU-REACH-VO Anhang XVII Nr. 59 ist die Verwendung von DCM-Abbeizmitteln für die breite Öffentlichkeit verboten.
Trichlorethen ist nach CLP-VO als krebserzeugend Kategorie 1B eingestuft („kann Krebs erzeugen“). Tetrachlorethen und Dichlormethan sind krebsverdachtig Kategorie 2. Spezifische BK-Risiken: BK 1302 (Erkrankungen durch Halogenkohlenwasserstoffe) und BK 1317 (Polyneuropathie/Enzephalopathie). Bei TRI gibt es zudem das Nierenzellkarzinom-Risiko (BK 1302 mit gesonderter Wertung).
2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026
Die CKW-Vorsorge ist in der ArbMedVV Anhang Teil 1 Nr. 1 (Tätigkeiten mit Gefahrstoffen) geregelt; die DGUV Empfehlung E CKW konkretisiert die fachärztliche Durchführung. Trichlorethen unterliegt zusätzlich der TRGS 910 (Risikokonzept für CMR-Stoffe) mit Akzeptanz- und Toleranzkonzentration.
- ArbMedVV i.d.F. 18.10.2013, zuletzt geändert 30.06.2023
- GefStoffV 2024; TRGS 900, 903, 910
- TRGS 400/401/402, 500, 555
- REACH-VO Anhang XVII Nr. 59 — DCM-Abbeizverbot
- ArbSchG, ASiG, DGUV V2
- AMR 2.1, 6.2, 6.3, 11.1 (nachgehende Vorsorge)
- MuSchG — bei TRI/PER zwingend zu beachten (CMR Kat. 1B/2)
- BKV — BK 1302, 1317
3. Vorsorgeanlässe
3.1 Pflichtvorsorge
Bei Tätigkeiten mit Trichlorethen, wenn eine wiederholte Exposition oder eine Hautkontakt-Gefährdung nicht ausgeschlossen werden kann (TRI ist als CMR-Stoff der Kategorie 1B besonders streng zu behandeln). Bei Tetrachlorethen und Dichlormethan, wenn der AGW überschritten wird oder relevanter Hautkontakt besteht.
3.2 Angebotsvorsorge
Bei Tätigkeiten unterhalb der Pflichtvorsorge-Schwellen, wenn Exposition nicht ausgeschlossen werden kann.
3.3 Nachgehende Vorsorge (Pflicht!)
Für TRI und PER nach Ausscheiden aus der Tätigkeit — über das DGUV-Vorsorge-Meldeportal. Begründung: Latenzzeit für Nierenzellkarzinom (TRI) und CKW-induzierte Erkrankungen kann viele Jahre betragen.
3.4 Wunschvorsorge
Auf Wunsch der versicherten Person, sofern Gesundheitsschaden nicht von vornherein ausgeschlossen werden kann.
| Vorsorgeart | Erstvorsorge | Erste Nachvorsorge | Folgevorsorgen |
|---|---|---|---|
| Pflichtvorsorge TRI | vor Tätigkeitsaufnahme | nach 12 Monaten | alle 12–24 Monate |
| Pflichtvorsorge PER/DCM | vor Tätigkeitsaufnahme | nach 12 Monaten | alle 24–36 Monate |
| Angebotsvorsorge | vor Aufnahme | 12–24 Monate | 24–36 Monate |
| Nachgehende Vorsorge | nach Ausscheiden | variabel | variabel über DGUV-Portal |
4. Branchen, Krankheitsbild und BK-Risiken

4.1 Tätigkeiten mit höherer Exposition
- Metall-Entfettung in offenen oder unzureichend geschlossenen Anlagen
- Reinigen von Behältern, Walzen und Maschinen mit chlorierten Reinigern
- Chemische Textilreinigung (PER) ohne moderne, geschlossene Maschinen
- Klebstoff-, Schaum- und Möbelindustrie (Polyurethan-Produktion mit DCM)
- Sanierungs-, Abbruch- und Altlastenbearbeitung
- Galvanik mit lösungsmittelbasierter Vorbehandlung
4.2 Krankheitsbild
CKW werden überwiegend über den Atemtrakt aufgenommen; alle drei Stoffe sind hautresorptiv. Akute Wirkung: narkotisch (Schwindel, Erregung, Bewusstlosigkeit bei sehr hohen Konzentrationen), Reizung von Schleimhäuten, entfettende Hautwirkung. Subakut: bei DCM-Exposition CO-Hämoglobin-Anstieg (DCM wird im Körper zu CO metabolisiert) — kardiovaskulär relevant.
Chronisch: die wichtigsten Krankheitsbilder sind Hepatotoxizität (Steatohepatitis, Cholestase), Nephrotoxizität (tubuläre Schädigung), toxische Enzephalopathie (BK 1317) sowie das Nierenzellkarzinom (TRI) als spezifisches Krebsrisiko — letzteres ist epidemiologisch belegt und in BK 1302 berücksichtigt.
4.3 Top-3-Branchen aus der IAAI-Kundenbasis
Branche 1: Metall-Entfettung / Oberflächentechnik. Maschinenbau, Automotive-Zulieferer, Galvanik. Auch wenn moderne wasserbasierte Entfettung Standard wird, sind altanlagen mit TRI/PER weiter im Einsatz.
Branche 2: Chemische Reinigungen / Textilreinigung. PER ist trotz Substitutionsbestrebungen (Hydrocarbon, K4) immer noch in vielen Reinigungen Standardlösungsmittel. TRGS 526 fordert geschlossene Anlagen mit Rückgewinnung.
Branche 3: Klebstoff-, Schaum- und Möbelindustrie. DCM in Polyurethan-Schaumherstellung, Klebstoffanwendungen — trotz REACH-Restriktion in industriellen Anwendungen erlaubt mit Auflagen.
5. Untersuchungsumfang
5.1 Beratung
Aufklärung über spezifische Risiken: Krebsrisiko TRI (Nierenzellkarzinom, Lymphom), CO-Hämoglobin-Bildung bei DCM, hepatorenale Toxizität, alkoholverstärkende Wirkung. Beratung zur PSA: Atemschutz mit ABEK-Kombinationsfilter, chemikalienbeständige Handschuhe (PVA, Butyl, Viton). Hautschutzplan.
5.2 Anamnese und Arbeitsanamnese
- Vorbestehende neurologische, hepatologische und renale Erkrankungen
- Schwangerschaftsanamnese (CMR-Stoffe — § 9 MuSchG)
- Hautanamnese (vorbestehende Ekzeme)
- Arbeitsanamnese: Expositionsdauer, dermale Exposition, AGW-Annahme
- Alkoholanamnese (Confounder; verstärkt Hepatotoxizität)
- Nikotinanamnese (CO-Hämoglobin-Confounder bei DCM)
5.3 Körperliche Untersuchung
Inspektion Haut/Schleimhäute, Leber-/Milz-Palpation, orientierende Neurologie. Bei Verdacht auf Polyneuropathie: vibrationssensorische Prüfung.
5.4 Labordiagnostik / Biomonitoring
| Stoff | Parameter | BGW (TRGS 903) | Material |
|---|---|---|---|
| Trichlorethen | Trichloressigsäure (TCA) | EKA-Wert (TRGS 903) | Urin, Schichtende |
| Tetrachlorethen | Tetrachlorethen | 1000 µg/L | Vollblut, Schichtende |
| Dichlormethan | CO-Hämoglobin | 5 % (Nichtraucher) | Vollblut, Schichtende |
| Niere (TRI/PER) | α1-Mikroglobulin | Referenzbereich | Urin, Spontanprobe |
Erstuntersuchung: Urinstatus, großes Blutbild, γ-GT, ALAT, ASAT, Kreatinin, α1-Mikroglobulin im Urin (Tubulärer Schadensmarker). Bei DCM-Exposition zusätzlich CO-Hämoglobin.
5.5 Funktionsdiagnostik / Bildgebung
Routine-Funktionsdiagnostik nicht vorgesehen. Bei Verdacht auf Hepato-/Nephrotoxizität: Oberbauch-Sonographie. Bei Verdacht auf Nierenzellkarzinom (TRI-Exposition): nierensonographische Verlaufsbeobachtung in nachgehender Vorsorge.
6. Beurteilung und Bescheinigung
Die DGUV-Empfehlung gliedert die Beurteilung in vier Stufen: (1) keine Erkenntnisse — Tätigkeit fortsetzbar; (2) Maßnahmen empfohlen; (3) verkürzte Fristen; (4) Tätigkeitswechsel zu erwägen. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3 mit Anlass und nächstem Termin — KEINE Diagnose, KEINE Befunde. Bei BGW-Überschreitungen: Mitteilung an den Unternehmer auf betrieblicher Ebene anonymisiert (§ 6 Abs. 4 ArbMedVV).
7. Praxistipps für Unternehmen
- Substitution prioritär. TRI durch Modified Alcohols, halogenfreie Lösungsmittel oder wässrige Reiniger. PER durch Hydrocarbon (KWL) oder K4-Lösungsmittel.
- Geschlossene Anlagen. TRGS 526: dampfdichte Anlagen mit Aktivkohle-Rückgewinnung; jeden Behandlungsschritt geschlossen halten.
- STOP-Prinzip. Substitution → technische Schutzmaßnahmen (Lokalabsaugung, Punktabsaugung) → organisatorische Maßnahmen (Expositionszeit) → PSA (ABEK-Kombinationsfilter, EN 374 Permeations-Klasse 6 mit PVA/Butyl/Viton).
- Nachgehende Vorsorge anmelden. Anmeldung im DGUV-Vorsorge-Portal beim Ausscheiden — Pflicht des Unternehmers.
- Mutterschutz strikt. Bei TRI/PER ist Beschäftigungsverbot für Schwangere und Stillende zu prüfen — § 11 MuSchG.
- Biomonitoring konsequent. TCA und α1-Mikroglobulin am Schichtende; bei DCM CO-Hb dokumentieren.
- Unterweisung jährlich. Krebsrisiko, alkoholverstärkende Wirkung, Notfallmaßnahmen.
Häufige Fragen (FAQ)
Wann ist Pflichtvorsorge bei Trichlorethen zwingend?
Bei Tätigkeiten mit TRI immer dann, wenn eine wiederholte Exposition oder Hautkontakt-Gefährdung nicht ausgeschlossen werden kann. Wegen der CMR-Kategorie 1B gilt der besonders strenge Prüfmaßstab nach TRGS 910.
Was ist die nachgehende Vorsorge bei TRI/PER?
Nach Ausscheiden aus der TRI- oder PER-Tätigkeit ist der Unternehmer verpflichtet, die Person über das DGUV-Vorsorge-Portal (www.dguv-vorsorge.de) anzumelden. Latenzzeiten für Nierenzellkarzinom betragen Jahre bis Jahrzehnte.
Welche Biomonitoring-Parameter sind heute Standard?
Für TRI: Trichloressigsäure (TCA) im Urin am Schichtende. Für PER: Tetrachlorethen im Vollblut (BGW 1000 µg/L). Für DCM: CO-Hämoglobin im Vollblut (BGW 5 % bei Nichtrauchern). Ergänzend bei TRI/PER: α1-Mikroglobulin im Urin als tubulärer Schadensmarker.
Welche BK-Nummern kommen in Betracht?
BK 1302 (Erkrankungen durch Halogenkohlenwasserstoffe) und BK 1317 (Polyneuropathie/Enzephalopathie durch organische Lösungsmittel oder deren Gemische). Bei TRI mit Nierenzellkarzinom-Verdacht: BK 1302 mit gesonderter Wertung.
Was ist bei Schwangeren zu beachten?
TRI ist krebserzeugend Kategorie 1B — Beschäftigungsverbot nach § 11 MuSchG. PER und DCM sind reproduktions-/krebsverdachtig Kat. 2 — strenge Schutzmaßnahmen oder Wechsel auf nicht-exponierte Tätigkeit erforderlich.
Welche Handschuhe schuetzen gegen CKW?
Polyvinylalkohol (PVA), Butylkautschuk oder Viton sind besser geeignet als Nitril. EN 374 Permeations-Klasse 6 mit Mindestdicke prüfen. SDB des konkreten Produktes konsultieren — viele Handschuhe schwitzen schnell durch.
Wie lange müssen Vorsorgedokumente aufbewahrt werden?
Bei CMR-Stoffen (TRI Kat. 1B) gilt eine Aufbewahrungsfrist von 40 Jahren nach Expositionsende — die Vorsorgekartei wird in das DGUV-Vorsorge-Portal überführt.
Was ist mit DCM-Abbeizmitteln?
Die EU-REACH-VO Anhang XVII Nr. 59 verbietet seit 2010 die Verwendung von DCM-Abbeizmitteln durch die breite Öffentlichkeit. Industrielle und gewerbliche Anwendungen sind unter strengen Schutzmaßnahmen weiter erlaubt.
Quellen und weiterführende Informationen
- DGUV Empfehlung „Trichlorethen, Tetrachlorethen, Dichlormethan“ (E CKW), Fassung Januar 2022, S. 715–737
- ArbMedVV i.d.F. 18.10.2013, zuletzt geändert 30.06.2023
- GefStoffV 2024; TRGS 900, 903, 910 (CMR-Risikokonzept)
- REACH-VO Anhang XVII Nr. 59 — DCM-Abbeizverbot
- AMR 2.1, 6.2, 6.3, 11.1 (nachgehende Vorsorge)
- BKV — BK 1302, 1317
- DGUV Vorsorge-Portal — www.dguv-vorsorge.de
- GESTIS-Stoffdatenbank, IFA — TRI (CAS 79-01-6), PER (CAS 127-18-4), DCM (CAS 75-09-2)
IAAI Arbeitssicherheit GmbH — wir setzen die CKW-Vorsorge für Sie um
Wir betreuen Metall-Entfettungsbetriebe, Galvanik, chemische Reinigungen, Klebstoff- und Schaumindustrie sowie Sanierungsfirmen bundesweit. Erstberatung, Gefährdungsbeurteilung Gefahrstoffe, Pflicht-/Angebots-/Wunsch- und nachgehende Vorsorge mit Biomonitoring (TCA, PER-Vollblut, CO-Hb, α1-Mikroglobulin), Anmeldung im DGUV-Vorsorge-Portal und Dokumentation in der digitalen Vorsorgekartei — vor Ort oder hybrid via Telemedizin nach AMR 3.4.
Stand: April 2026. Dieser Text ersetzt keine arbeitsmedizinische oder rechtliche Einzelfallberatung. Inhalte fassen die DGUV-Empfehlung E CKW, ArbMedVV, GefStoffV, TRGS 910 und REACH-Restriktionen für Arbeitgeber und Beschäftigte verständlich zusammen — verbindlich sind die Originalfassungen. Für eine konkrete Vorsorgeplanung kontaktieren Sie bitte einen Facharzt für Arbeitsmedizin oder Ihren betreuenden Betriebsarzt.

