DGUV-Empfehlung E P

Weißer Phosphor-Vorsorge nach DGUV-Empfehlung E P

Pflicht- und Angebotsvorsorge bei Tätigkeiten mit weißem Phosphor (P₄) in Pyrotechnik, Phosphor-Synthesen, Spezialchemie und Munitionsrückbau. Knochennekrose („Phossy Jaw“, BK 1109), Zahn- und Kieferveränderungen, Leberschädigung. Stand April 2026.

Autor: Dr. Johannes Angerer · Betriebsarzt & COO der IAAI Arbeitssicherheit GmbHVeröffentlicht: 15. Dezember 2024 · Aktualisiert: 22. März 2026 · Lesezeit: 12 Minuten

Auf einen Blick

Weißer Phosphor (P₄, CAS 12185-10-3) ist ein extrem reaktives, in Luft selbstentzündliches Element — historisch verantwortlich für die Phosphornekrose des Kieferknochens („Phossy Jaw“) bei Zündholzarbeiterinnen des 19. Jahrhunderts. Heute ist die Tätigkeit selten geworden (Pyrotechnik-Industrie, Spezialchemie, Munitionsrückbau, Phosphorsäure-Herstellung), erfordert aber weiterhin Pflicht- und Angebotsvorsorge nach ArbMedVV. Schlüsselbefürchtungen: BK 1109 (Knochennekrose durch Phosphor), Lebertoxizität, Zähne und Kieferveränderungen, schwere Verbrennungen bei direktem Hautkontakt.

Zahnärztliche Inspektion zur Phossy-Jaw-Früherkennung
Zahnärztliche Inspektion zur Früherkennung der Phosphornekrose des Kiefers (BK 1109).
Pyrotechniker beim Befüllen einer Signalpatrone mit Phosphor-Brandsatz
Pyrotechnik-Manufaktur mit phosphorhaltigem Brandsatz — typische Arbeitsumgebung.

1. Was ist die Weiß-Phosphor-Vorsorge?

Die Weiß-Phosphor-Vorsorge ist die arbeitsmedizinische Vorsorge für Beschäftigte, die bei Tätigkeiten mit weißem Phosphor (P₄) exponiert sein können — DGUV-Empfehlung E P (Fassung Januar 2022). Weißer Phosphor ist eine wachsartige, durchscheinende, an Luft selbstentzündliche Substanz mit Knoblauch-ähnlichem Geruch.

2. Rechtsgrundlage

3. Vorsorgeanlässe

Pflichtvorsorge bei jeder relevanten Exposition. Angebotsvorsorge bei nicht ausgeschlossener Exposition. Wunschvorsorge auf Antrag.

VorsorgeartErstvorsorgeErste NachvorsorgeFolgevorsorgen
Pflichtvorsorgevor Aufnahmenach 12 Monatenalle 24–36 Monate
Angebotsvorsorgevor Aufnahme12–24 Monate24–36 Monate

4. Branchen, Krankheitsbild, BK-Risiken

Pyrotechniker in feuerfester Schutzkleidung mit Atemschutz arbeitet in einem speziellen Bunker mit weißem Phosphor unter Wasserabdeckung in einer deutschen Pyrotechnik-Manufaktur
Weißer Phosphor wird unter Wasser oder Inertgas gelagert — typische Arbeitsumgebung in Pyrotechnik und Spezialchemie.

4.1 Branchen heute

4.2 Krankheitsbild

Akute Exposition: schwere Verbrennungen (Hautkontakt entzündet sich), Inhalation reizt Atemwege. Chronisch: Phosphornekrose des Kieferknochens (BK 1109) — historisch „Phossy Jaw“ bei Zündholzarbeiterinnen, heute extrem selten dank moderner Schutzmaßnahmen. Zahn- und Kieferveränderungen, Hepatotoxizität, Nephrotoxizität.

5. Untersuchungsumfang

Beratung zu Brandgefahr und Hautkontakt. Anamnese: Zahn- und Kieferschmerzen, Schwellungen, Mundgesundheit. Zahnstatus inkl. Panoramaschichtaufnahme bei Erstuntersuchung (Pflicht). Labor: Leberparameter (γ-GT, ALAT, ASAT), Kreatinin, Calcium, Phosphat, alkalische Phosphatase. Inspektion Mundhöhle, Kiefer-Palpation. Bei Verdacht: Kiefer-CT/MRT in Kooperation mit Kieferchirurgie.

6. Beurteilung und Bescheinigung

DGUV-Vier-Stufen-Beurteilung. Bei jeder Auffälligkeit am Kiefer: zwingend Stufe 3–4 (verkürzte Fristen oder Tätigkeitswechsel). Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3.

7. Praxistipps für Unternehmen

  1. Substitution prioritär. Wo möglich roten Phosphor (Pₙ) statt weißen Phosphor.
  2. Geschlossene Systeme. Lagerung unter Wasser oder Inertgas; Verarbeitung in geschlossenen Anlagen mit Lokalabsaugung.
  3. STOP-Prinzip. Substitution → technische Schutzmaßnahmen (Inertisierung, Lokalabsaugung) → organisatorisch → PSA (feuerfeste Schutzkleidung, Vollvisierhelm, Atemschutz).
  4. Mundgesundheit. Jährliche zahnärztliche Untersuchung mit Panoramaschicht, gute Mundhygiene, sofortige Behandlung von Zahnerkrankungen.
  5. Mutterschutz prüfen. Bei Schwangerschaft Wechsel auf nicht-exponierte Tätigkeit.
  6. Notfallmaßnahmen. Brandbekämpfung mit Wasser nicht möglich (P₄ brennt unter Wasser nicht aber bei Lufteintritt erneut); Sand, CO₂-Löscher.

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist „Phossy Jaw“?

Historische Bezeichnung für die durch weißen Phosphor verursachte Knochennekrose des Kieferknochens. Heute selten dank moderner Schutzmaßnahmen, aber als BK 1109 weiterhin anerkannt.

Wie häufig muss die Vorsorge stattfinden?

Pflichtvorsorge alle 24–36 Monate; bei Auffälligkeiten oder Kieferproblemen verkürzt auf 12 Monate.

Welche Untersuchungen sind Pflicht?

Zahnstatus inkl. Panoramaschicht-Röntgen (Pflicht bei Erstuntersuchung), Leberparameter, Calcium/Phosphat-Status, Mundhöhlen-Inspektion.

Welche PSA wird benötigt?

Feuerfeste Schutzkleidung (Aramid), Vollvisierhelm, chemikalienbeständige Handschuhe, Atemschutz mit P-Filter bei Aerosol-Exposition.

Wie lösche ich brennenden weißen Phosphor?

Sand, CO₂-Löscher oder Trockenpulver — NICHT mit Wasser direkt. Brennende Person ggf. mit Wasser kühlen, aber den Phosphor mechanisch entfernen.

Quellen

IAAI Arbeitssicherheit GmbH — wir setzen die Weiß-Phosphor-Vorsorge für Sie um

Wir betreuen Pyrotechnik-Manufakturen, Spezialchemie und Munitionsrückbaubetriebe bundesweit. Pflicht-Vorsorge mit Zahnstatus und Panoramaschicht-Röntgen, Brandschutz-Beratung, Gefährdungsbeurteilung Gefahrstoffe.

Stand: April 2026. Dieser Text ersetzt keine arbeitsmedizinische oder rechtliche Einzelfallberatung.