Das Office Eye Syndrom, in der Fachliteratur als Computer Vision Syndrome (CVS) oder Digital Eye Strain (DES) bezeichnet, betrifft 50 bis 90 Prozent aller Bildschirmarbeiter. In Deutschland arbeiten rund 18 Millionen Beschäftigte regelmäßig an Bildschirmarbeitsplätzen – das Office Eye Syndrom ist damit eines der häufigsten arbeitsmedizinischen Beschwerdebilder unserer Zeit.

Definition und Einordnung
Das Office Eye Syndrom beschreibt einen Komplex aus okulären, visuellen und muskuloskelettalen Symptomen, die durch die anhaltende Nutzung digitaler Bildschirmgeräte hervorgerufen werden. Es handelt sich nicht um eine einzelne Erkrankung, sondern um ein Syndrom, das verschiedene Pathomechanismen vereint: Tränenfilminstabilität, Akkommodationsstress und Störungen der Augenoberfläche. Eine eigenständige ICD-Kodierung existiert derzeit nicht – in der Praxis wird unter H53.1 (Asthenopie) oder H04.12 (Sicca-Syndrom) verschlüsselt.
Pathophysiologie: Was passiert im Auge bei Bildschirmarbeit?
Reduzierte Blinzelfrequenz und inkompletter Lidschluss
Der zentrale Pathomechanismus ist die Reduktion der Blinzelfrequenz während konzentrierter Bildschirmarbeit. Unter normalen Bedingungen blinzelt der Mensch 15- bis 20-mal pro Minute. Bei konzentrierter Bildschirmtätigkeit sinkt diese Rate um 50 bis 66 Prozent auf 5 bis 7 Blinzelschläge pro Minute. Gleichzeitig steigt der Anteil inkompletter Blinzelbewegungen von etwa 7 Prozent auf über 50 Prozent. Jeder vollständige Lidschluss verteilt den Tränenfilm, exprimiert Meibom-Lipide und stimuliert die Muzinsekretion – wird dieser Mechanismus gestört, destabilisiert sich der gesamte Tränenfilm.
Tränenfilm-Destabilisierung
Der Tränenfilm besteht nach dem TFOS DEWS II-Modell aus einer äußeren Lipidschicht (ca. 0,1 µm, Meibom-Drüsen) und einer mukoaquösen Schicht (ca. 3–4 µm). Bei reduzierter Blinzelfrequenz kommt es zur beschleunigten Evaporation und unzureichenden Lipidverteilung. Die Tränenfilm-Aufreißzeit (BUT) sinkt von normal über 10 auf unter 5 Sekunden. Die resultierende Hyperosmolarität (über 308 mOsm/l) löst eine Entzündungskaskade aus, die Epithelzellschäden und Becherzellverlust verursacht.
Akkommodationsstress und Meibom-Drüsen-Dysfunktion
Bildschirmarbeit erfordert dauerhafte Nahakkommodation auf 50–70 cm. Der Ziliarmuskel muss über Stunden eine konstante Spannung aufrechterhalten, was zu Akkommodationsspasmen führt. Besonders betroffen sind Beschäftigte über 40 Jahre mit beginnender Presbyopie. Durch den inkompletten Lidschluss werden zudem die ca. 30–40 Meibom-Drüsen pro Lid nicht ausreichend exprimiert – das Meibum staut sich und kann langfristig zu Drüsenatrophie führen.

